Briefe an Fatima

Afghanistan hat uns seine Söhne anvertraut

23/9/2020

Liebe Fatima!

… fünf Jahre später! Ich nenne es ein Wunder, ein Anderer vielleicht Zufall oder Schicksal. Es ist egal, wie man es nennt! Das scheinbar Unmögliche ist eingetroffen.  Die Ungewissheit hat ein Ende! Du lebst, ihr lebt! Aber kann man es tatsächlich Leben nennen?

Unser Leben können wir uns nicht immer aussuchen, nur manche von uns! Manche haben die Freiheit dazu. Fünf Jahre später bist Du einfach wieder da! Die Ungewissheit hat ein Ende, aber leider das Sorgen nicht! Mach Dir keine Sorgen um Deinen Ältesten! Es geht ihm gut; er ist in Sicherheit.  Aber wie geht es Deinen anderen Söhnen? Unsere Söhne – unsere Zukunft, Fatima! Die nächste Generation. Werden ihre Seelen heilen?

In Liebe verbunden

06/05/2020

Liebe Fatima

Diese Coronazeit verändert uns, hat uns schon verändert; wie, das werden wir wohl erst noch feststellen.

Ich habe Mühe mit Veränderung. Du musstest es lernen in den letzten Jahren, liebe Freundin. Ich kann von Dir lernen.

Menschen sind unterschiedlich. Manche neugierig und unruhig, immer dabei, das Neue mit offenen Armen zu empfangen. Manche Menschen, wie ich, brauchen lange, um Abschied zu nehmen; alle Erinnerungen noch einmal zu erinnern, alle Gefühle noch einmal zu fühlen, das braucht Zeit und Kraft. Aber das ist so! Es ist nicht hoffnungslos, aber tief, tiefer als bei anderen. Ich will die Erinnerungen bewahren, noch einmal im Schlaf den schönen Dingen begegnen. Kennst Du das? Weisst Du z.B. noch, wie es in Deiner Heimat riecht? Wie die frischen Gewürze und Früchte duften, die es hier nur in Dosen gibt! Lass uns das Leben einatmen, tief und auch schmerzhaft, aber voller Hoffnung, dass Neues uns wieder lachen lässt.

Ich umarme Dich!

26/03/2020

Liebe Fatima!

Erinnerst Du Dich an den ersten Atemzug Deiner Söhne? Als sie aus der Geborgenheit unseres Leibes in diese Welt geboren wurden? Der erste Atemzug, der erste Schrei – ich bin da! Ich bin in dieser Welt angekommen! Der erste Atemzug! Viele Menschen sehnen sich nach Atem, nach einem frischen Luftzug, der ihre Lungen heilt. Der Lebensatem, der uns lebendig macht. Einatmen – ausatmen, die Flügel ausbreiten, gesund werden. Einatmen – ausatmen – Lebensrhythmus – Herzschlag – Flügelschlag. Bleiben wir, oder gehen wir? Wohin treibt uns der nächste Flügelschlag, der nächste Atemzug? Ein erstes Mal einatmen – ein letztes Mal ausatmen. Erinnerst Du Dich, Fatima, an den ersten Atemzug unserer Söhne? Ja, liebe Freundin, ich erinnere mich!

Auf bald! Ich grüsse Dich in Liebe!

23/03/2020

Liebe Fatima!

Ich fliege im Wind! Ich habe meine Segel weit ausgebreitet. Ich fliege! Festgemacht an der Arche. Die Arche, gebaut aus Vertrauen und Glauben. Woran baust Du gerade, Fatima? Es ist schwierig für Dich, einen Zufluchtsort zu bauen. Aber für jeden scheint es gerade schwierig, egal wo man lebt. Ich fliege und ich vertraue. Komm, ich nehme dich mit unter mein Segel. Wenn ich lebe und vertraue und überlebe, dann auch du, liebe Fatima! Meine Segel sind gross genug, weil die Flügel, unter denen ich Zuflucht finde, noch viele Male grösser sind. Nimm meine Hand und komm! Wir fliegen im Wind, der Arche hinterher! Hab Mut! Gib nicht auf! Ich umarme Dich in Liebe!